Im Interview: Honorarkonsulin Dr. Cattina Leitner

1.) Sie sind profilierte Juristin, entstammen einer bekannten Kärntner Unternehmerfamilie und sind mit einem der erfolgreichsten Manager des Landes verheiratet. Wie kommt es, dass Sie Honorarkonsulin Finnlands wurden?

Diese Frage können die Personen beantworten, die mich vorgeschlagen haben. Bestimmt war meine Begeisterung für Finnland und seine Menschen nicht zu übersehen. Ich bin durch die berufliche Tätigkeit meines Mannes zu Finnland gekommen. Vermutlich war es die Summe vieler Eindrücke, die dazu bewegt hat, mich vorzuschlagen.

Es ist mir ein ehrliches Anliegen, die Tradition der Freundschaft zwischen den beiden Staaten, die vieles gemeinsam haben, zu bewahren und zu pflegen.

2.) Welchen persönlichen Bezug haben Sie zu Finnland? Waren Sie schon öfters dort? Was war Ihr beeindruckendstes Erlebnis?

Ich war natürlich schon oft in Finnland, beispielsweise als Besucherin internationaler Konferenzen, für die österreichischen Universitäten oder um Freunde zu treffen. Ich schätzte die Verlässlichkeit und unkomplizierte Offenheit der Finnen, die von Small-Talk wenig halten und trotzdem nicht verstummen. Die Finnen haben ein stark ausgeprägtes Nationalgefühl, das nachvollziehbar in ihrer Geschichte wurzelt. Sie sind stolz auf ihre Unabhängigkeit, die sportlichen Erfolge und auch ihre spitzentechnologischen Leistungen. Finnland hat in den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Wirtschaft neue Wege eingeschlagen, die für Österreich über weite Strecken beispielgebend sind.

2017 habe ich das weltführende Start-Up-Festival „Slush“ in Helsinki besucht. Ich bin zutiefst beeindruckt über die Art der Präsentation technologischen Fortschritts und des Engagements involvierter Persönlichkeiten. Slush ist der Inbegriff, wie eine radikale, aber zugleich positive Kultur von „pushing things forward“ betrieben werden kann. Das ist das moderne Finnland! Pöyry Management Consulting Austria hat dankenswerter Weise ideenstiftend und organisatorisch den Besuch ermöglicht, den ich gerne unterstützt habe.

Als Nebenereignis ist mir der Sprung ins Eismeer unvergesslich, den ich gemeinsam mit anderen wagte. Man fühlt sich danach unverletzlich wie der sagenhafte Siegfried, nur mit Strickhaube statt Lindenblatt.

3.) Ihr Honorarkonsulat firmiert in Graz. Welche Aufgaben werden dort wahrgenommen? Und welche besonderen Schwerpunkte möchten Sie setzen? Gibt es darüber hinaus Aktivitäten Ihrerseits?

Das Honorarkonsulat befindet sich im Zentrum von Graz. Bei den dort erledigten Aufgaben handelt es sich hauptsächlich um die Ausstellung von Lebensbescheinigungen (etwa für den Bezug einer Rentenleistung aus Finnland), Unterschriftenbeglaubigungen (für Bankunterlagen) oder die Beglaubigung von Abschriften. Daneben bieten wir im Honorarkonsulat natürlich diverse Hilfestellungen und Beratung für Finnen und Finninnen an und sind das Bindeglied zur Botschaft in Wien. Als Honorarkonsulin bin ich auch eine Repräsentantin Finnlands auf diversen Veranstaltungen.

Schwerpunktmäßig konzentriere ich mich darauf, die Menschen von Finnland und Österreich in jeder Hinsicht weiter zu vernetzen. Dies betrifft die Bereiche Wirtschaft und Tourismus, Bildung, Sport sowie Kultur.

Der gesellschaftliche Höhepunkt der Aktivitäten des Honorarkonsulats ist zweifellos der jährliche Empfang anlässlich des Finnischen Unabhängigkeitstages am 6. Dezember. Zum 100-jährigen Jubiläum im letzten Jahr gab es einen herausragenden Festakt im großen Sitzungssaal des Landtags der Steiermark. Ich habe mich gefreut, dass circa 150 Menschen unserer Einladung gefolgt sind.

4.) Wie sehen Sie die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen beider Länder? Wo sehen Sie etwaiges Ausbaupotential?

Es gibt seit beinahe 100 Jahren diplomatische Beziehungen zwischen Finnland und Österreich und seit 1961 Botschaften im jeweils anderen Land. Die politischen Beziehungen können als sehr gut angesehen werden.

Zahlreiche Beispiele von finnischen Firmen, die ihre Niederlassungen in Österreich haben, und natürlich auch umkehrt österreichischer Firmen in Finnland, zeigen, dass die beiden Länder auch in wirtschaftlicher Hinsicht sehr gut zusammenarbeiten. Zu erwähnen sind zB die Andritz AG, Doppelmayr Seilbahnen GmbH, Wienerberger AG, DOKA Schalungstechnik GmbH oder Uddeholm Oy Ab. Und umgekehrt Kone, Kemira, Metso, Borealis, Valmet, Pöyry oder Kumera Antriebstechnik. Letztere Firma hat kürzlich ihren Standort in Graz erweitert und eine neue Fertigungs- und Montagehalle eröffnet und trägt somit dazu bei, dass wertvolle Arbeitsplätze geschaffen/behalten werden können.

Ausbaupotential sehe ich etwa im Bereich der Technologisierung. Der technologische Wandel hat eine hohe Geschwindigkeit und bietet mit der Digitalisierung die Grundlage für weiter reichende Vernetzungen. Wer in diesem Bereich das jedenfalls vorhandene Potential erkennen will, soll das bereits erwähnte Slush-Festival besuchen.

5.) Finnland und Österreich haben trotz geographischer Distanz viele Gemeinsamkeiten. Was denken Sie – wird sich die politische, soziale und wirtschaftliche Zukunft beider Länder auch in der Zukunft ähnlich entwickeln?

Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Ländern gibt es viele. Dem Verlauf der Weltgeschichte geschuldet, feiern etwa beide Nationen ihre 100-jährigen Jubiläen fast zeitgleich. Beide sind neutrale Staaten und 1995 im Rahmen der ersten großen Beitrittsrunde der Europäischen Union beigetreten. Auch zur Friedenssicherung der Vereinten Nationen haben beide einen starken Beitrag geleistet, tausende Soldaten zu verschiedenen Missionen auf der ganzen Welt entsendet und oft sehr eng in denselben Operationen (UNDOF, UNIFIL, UNTSO, KFOR oder ISAF) zusammengearbeitet.

Sowohl Österreich als auch Finnland haben exportabhängige Volkswirtschaften, die sich auf ähnliche Bereiche, nämlich Maschinen und Fahrzeuge sowie auch Chemieprodukte, konzentrieren. Definitiv besser ist Finnland in der Gleichberechtigung, die das Verhältnis zwischen den Geschlechtern zu einem hohen Grad präsentiert. Das zeigt sich beispielsweise in der relativ großen Zahl von Frauen, die höhere Ämter in der Politik bekleiden oder sonstige hohe Posten in Sektoren der Gesellschaft einnehmen.

Beide Länder stehen mittel- und langfristig vor den gleichen Herausforderungen und besitzen sicher das Potential, Fortschritt und soziale Verantwortung in einen positiven Kontext zu bringen.

Kontaktinformation:

Honorarkonsulat von Finnland, Steiermark
Hans-Sachs-Gasse 7, 8010 Graz, 5. OG

konsulat.finnland.stmk@gmail.com

+43 677/61434392

Zur Person:

Ich bin 1962 in Graz geboren und in Spittal a. d. Drau/Millstättersee aufgewachsen. 1980 kam ich zum Studium der Rechtswissenschaften zurück nach Graz. Ich wurde Richterin mit zivilrechtlichem Schwerpunkt und wechselte 2015 in die Anwaltei. Seither pendle ich zwischen Wien und Graz.

Seit 1990 bin ich mit meinem Mann Wolfgang verheiratet. Wir haben zwei erwachsene Kinder.

Meine Freizeit widme ich jahreszeitabhängig dem Skifahren, Langlaufen und Schwimmen; ich lese und zeichne gerne und liebe Musik.

By | 2018-05-01T22:31:14+00:00 26.02.2018|0 Comments

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